
Die folgende Pressemitteilung haben wir anlässlich der Einreichung unserer Stellungnahme zum Erfurter Nahverkehrsplan veröffentlicht.
Trotz solider Basis sieht Klimaentscheid Erfurt bei Nahverkehrsplan in Sachen Klimaschutz noch deutliches Verbesserungspotenzial
Erfurt, 27. Juli 2026. Die Initiative Klimaentscheid Erfurt hat den Entwurf des städtischen Nahverkehrsplans für die Jahre 2026 bis 2030 unter die Lupe genommen – und dabei besonders geprüft, ob die Stadt damit ihrem Ziel der schnellstmöglichen CO2-Neutralität im städtischen Wirkungsbereich näher kommt. Das Ergebnis zeigt: Es gibt deutlich Luft nach oben.
„Grundsätzlich ist es sehr lobenswert, dass die Stadt den Nahverkehrsplan von 2020–2024 fortschreibt und mit der geplanten Stadtbahnlinie 9 einen konsequenten Schritt zur CO2-Reduzierung und zur Optimierung des Nahverkehrs geht“, betont Matthias Böhmer, der bei der Initiative den Bereich Verkehr bearbeitet. Zugleich mahnt der Klimaentscheid, den unvermeidlichen Eingriff in die Stadtstruktur durch den Bau der Linie 9 als Chance zu begreifen und zu nutzen. Gefordert werden großzügige Ausgleichsmaßnahmen im Sinne des Klimaschutzes und der Klimaanpassung: Ersatz für gefällte Bäume sowie weniger versiegelte Flächen und neue Grünzonen in den betroffenen Straßenräumen. Wünschenswert sei, diese Vorhaben direkt im Nahverkehrsplan festzuschreiben, damit sie auch bei der Finanzierung berücksichtigt würden.
Nach Einschätzung des Klimaentscheids bewege sich die Ausgestaltung des Nahverkehrs der Stadt Erfurt schon auf einem recht hohen Niveau. Diese Ausgangslage gelte es nun zu nutzen, um den Fokus noch intensiver auf einen klimagerechten und attraktiven Nahverkehr zu legen. Der innerstädtische Nahverkehr bildet bereits eine starke Basis der Mobilität in der Kernstadt. Es brauche jetzt eine attraktive Anbindung der äußeren Orts- und Gewerbegebiete sowie schnelle Fahrzeiten, eine dichte Taktung und minimierte Fahrtkosten, damit der Individualverkehr – ein starker Verursacher von CO2-Emissionen in der Stadt – nachhaltig reduziert wird. Wirkungsvoll könnten hier Konzepte wie flexible Fahrzeuggrößen, Kooperationen mit privaten Dienstleistern im Personentransport und der Einsatz autonom fahrender Busse sein. Städte wie Berlin, Hamburg oder Stockholm zeigen, wie es gehen kann.
Zudem sei es wichtig, die verschiedenen Mobilitätsformen miteinander zu verknüpfen. Die Maßnahmen der Park-and-Ride-Konzeption seien umzusetzen, damit vor allem die Pendler:innenströme über den ÖPNV in die Innenstadt geführt werden. Einen weiteren wichtigen Schwerpunkt für einen attraktiven Nahverkehr sieht der Klimaentscheid in der größtmöglichen Barrierearmut. Diese solle sich nicht nur auf den Abbau physischer Barrieren beziehen, sondern auch auf die Sicherheit und erschwingliche Nutzung des Nahverkehrs für alle.
Ein großes Potenzial liege zudem in einer engen Kooperation zwischen Verkehrs-, Stadt- und Freiraumplanung: Durch effektive Maßnahmen zur Optimierung des Nahverkehrs ließen sich in der Stadt gleichzeitig mehr Maßnahmen zur Klimaanpassung und zur Stärkung der Flächengerechtigkeit umsetzen. Die Analyse des Klimaentscheids zeigt gleichzeitig, dass der Nahverkehrsplan in erster Linie das bestehende System verbessere. Er beschreibe zahlreiche sinnvolle Einzelmaßnahmen, beantworte jedoch nicht die entscheidende Frage: Reichen diese Maßnahmen aus, damit Erfurt seine Klima- und Mobilitätsziele tatsächlich erreicht? Aus Sicht der Initiative fehle dem Nahverkehrsplan eine übergeordnete Zielvorstellung sowie ein nachvollziehbarer Zielpfad. Es bleibe offen, welchen konkreten Beitrag die einzelnen Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen leisten.
„Der öffentliche Nahverkehr darf nicht isoliert betrachtet werden. Eine erfolgreiche Verkehrswende entsteht erst dann, wenn der Ausbau von Bus und Bahn mit einer konsequenten Förderung des Rad- und Fußverkehrs sowie einer schrittweisen Neuaufteilung des öffentlichen Straßenraums zusammengedacht wird. Hier wünschen wir uns mehr Weitsicht im Nahverkehrsplan und anderen städtischen Verkehrs- und Stadtentwicklungs- bzw. Stadtplanungskonzepten – sowie den Mut größere Schritte in Richtung Klimaschutz, Klimaanpassung und Klimagerechtigkeit zu gehen”, sagt Matthias Böhmer.
Der Klimaentscheid Erfurt hatte 2022 über 7.000 gültige Unterschriften für ein Bürgerbegehren gesammelt mit dem Ziel, die Stadt bis 2035 klimaneutral zu machen. Nach Feststellung der Gültigkeit der Unterschriften erarbeitete der Klimaentscheid gemeinsam mit der Stadtverwaltung eine Beschlussvorlage für den Stadtrat. Im Juni 2023 folgte dieser der vorgeschlagenen Zielstellung, das Erfurt so schnell wie möglich klimaneutral werden soll. Das am 15. Mai 2024 vom Stadtrat verabschiedete Dokument „Klimaschutz in Erfurt – Die Handlungsgrundlage der Verwaltung“ enthält die ersten kurz- und mittelfristigen Maßnahmen zur Erreichung der schnelleren Klimaneutralität.
Der Klimaentscheid Erfurt ist eine Initiative des Bündnisses für Klimagerechtigkeit Erfurt. Dem Bündnis gehören viele lokale Organisationen und Initiativen an, die sich für eine lebenswerte, klimagerechte Stadt einsetzen.
Weitere Informationen:
https://klimaentscheid-erfurt.de/
https://www.instagram.com/klimaentscheid_erfurt/
Kontakt:
Klimaentscheid Erfurt
eine Initiative des Bündnisses für Klimagerechtigkeit Erfurt
vertreten durch Robert Bednarsky und Nadine Baumannh
c/o BUND Stadtverband Erfurt
Geschäftsstelle
Trommsdorffstraße 5
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Robert Bednarsky: 0171 5625919
Nadine Baumann: 0151 17732083